Gesundheit in Europa – La santé en Europe
Es bietet sich uns kein schönes Bild. Die Vision „Gesundheit für alle”, die die Mitgliedstaaten der Europäischen Region der WHO 1984 Wirklichkeit werden lassen wollten, scheint nun, zum wiederholten Mal, ein ferner Traum zu sein. Wie diese dritte Fortschrittsbewertung zur „Gesundheit für alle” der Europäischen Region der WHO nur allzu deutlich zeigt, hat sich der Gesundheitszustand vieler Bürger seit der letzten großen Evaluierung im Jahre 1991 sogar verschlechtert.
Am schwerwiegendsten ist die Krise in den UdSSR-Nachfolgestaaten und in den mittel- und osteuropäischen Ländern (MOE). Dort hat sich der Gesundheitszustand der Menschen im Zuge der gesellschaftlichen Umwälzungen und der bewaffneten Auseinandersetzungen stark verschlechtert. Die Kluft in den Gesundheitsstandards zwischen diesen Nationen und den Ländern von Westeuropa vergrößert sich ständig.
Aber auch im wohlhabenden Westen, z. B. in den 15 Ländern der Europäischen Union, hat man nur wenig Anlaß zur Selbstzufriedenheit. Steigende Arbeitslosigkeit sowie die wachsende Kluft zwischen Reich und Arm haben Gesundheitsprobleme nach sich gezogen. Im Westen nicht weniger als im Osten spielen sozioökonomische Faktoren bei der Verbesserung und der Erhaltung von Gesundheit eine wichtige Rolle. Doch in der gesamten Region ist es auch weiterhin kaum möglich, Chancengleichheit, die zentrale Säule der Politik „Gesundheit für alle” aufzubauen. Ein starkes Engagement und viel Einsatz seitens der Mitgliedstaaten werden nötig sein, um gesundheitliche Chancengleichheit Wirklichkeit werden zu lassen.
Es ist deprimierend, wenn man sich überlegt, daß die Schlußsätze der ersten Fortschrittsbewertung zur „Gesundheit für alle” in der Europäischen Region nichts von ihrer Gültigkeit verloren haben. Dies gilt für die zunehmenden Ungleichheiten in einigen Ländern und die mangelnden Fortschritte in bezug auf einige Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen, insbesondere die gesundheitsschädlichen Lebensweisen.
Wie aus diesem Bericht hervorgeht, fordern diese gesundheitsschädlichen Lebensweisen in den UdSSR-Nachfolgestaaten ihren Tribut: Die durchschnittliche Lebenserwartung eines Kindes liegt dort 11 Jahre unter der eines Kindes aus der Europäischen Union. Diese Sterblichkeitskrise in den UdSSR-Nachfolgestaaten hat erstmalig seit dem Zweiten Weltkrieg zu einer Verkürzung der Lebenserwartung in der Europäischen Region insgesamt geführt. Die Lebenserwartung ging von 73,1 Jahren im Jahre 1991 auf 72,4 Jahre im Jahre 1994 zurück. Überhöhter Alkohol- und Zigarettenkonsum sowie schlechte Ernährung sind die Hauptquellen dieses Mißstands. Seit 1995/1996 gibt es zwar Anzeichen einer Trendumkehr in der Mortalitätsrate vieler UdSSRNachfolgestaaten, doch in einigen Ländern, wie in Kasachstan und der Russischen Föderation, werden Männer das Pensionsalter im Durchschnitt nicht erreichen, sollten die derzeitigen Mortalitätsstrukturen andauern. Es geht dabei nicht nur um Fragen der Gesundheit, sondern auch um politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Probleme, was nur um so deutlicher macht, welchen Einfluß die Gesundheit auf andere Sektoren hat und wie eng gesundheitliche mit anderen Problemen verknüpft sind.
Übertragbare Krankheiten sind heute erneut ein vorrangig zu lösendes Problem der öffentlichen Gesundheit. Die Tuberkulose ist wieder da. Sexuell übertragbare Krankheiten haben in einigen Ländern epidemische Ausmaße erreicht. Angesichts dieser Probleme, die mit finanziellen Engpässen und der Forderung nach verbesserter Effizienz, Effektivität und Versorgungsqualität einhergehen, haben viele Länder versucht, ihr Gesundheitssystem radikal zu reformieren. Reformiert wurden auch Struktur und Zusammensetzung der öffentlichen und privaten Finanzierung. Die Umsetzung solcher Gesundheitsreformen war nicht leicht, besonders nicht für diejenigen, die um das Überleben ihrer Wirtschaft kämpfen. Für andere war es schon schwierig genug, das bestehende System zu erhalten.
Die Grundsätze von „Gesundheit für alle” bleiben für die gesundheitliche Entwicklung weiterhin verbindlich. Ungefähr die Hälfte der Mitgliedstaaten stützt sich in ihrer eigenen Gesundheitspolitik bereits darauf. Die Umsetzung dieser Prinzipien ist jedoch eine ganz andere Sache. Man braucht dafür ein starkes politisches Engagement, das durch die erforderlichen Gelder abgestützt werden muß. Außerdem braucht eine solche Umsetzung Zeit.
Man muß sich konkrete Ziele setzen und die gemachten Fortschritte regelmäßig verfolgen und auswerten. Nur so kann man sicherstellen, daß dem Versprechen der Mitgliedstaaten, das sie erstmals 1984 abgelegt haben, auch echte Handlungsbereitschaft und konkrete Fortschritte in Richtung „Gesundheit für alle” folgen. Der Traum kann und muß für alle Wirklichkeit werden, was aber nur möglich ist, wenn sich alle Sektoren gemeinsam darum bemühen.