DIE GRUNDVORAUSSETZUNGEN FÜR GESUNDHEIT
Wenn Länder reicher werden, werden sie vielleicht auch gesünder, man hat es hier jedoch keineswegs mit einem automatischen Zusammenhang zu tun. Wenn die erforderlichen sozialpolitischen Konzepte nicht greifen, dann steht Gesundheit, die die eigentliche Grundlage dafür bietet, daß Produktivität und Einkommen verbessert werden, auf dem Spiel.
Nicht alle Länder der Europäischen Region sind allerdings in der glücklichen Lage, den Reichtum ihres Landes verteilen und umsichtig nutzen zu können. Einige haben nur wenig Reichtum, den sie verteilen können. Fünf dieser Länder haben ein Bruttosozialprodukt von 785 US-$ oder weniger, 15 zwischen 786 US-$ und 3115 US-$ und sechs zwischen 3116 US-$ und 9635 US-$.
Abgesehen von der Türkei, sind dies Länder im Osten der Region, in denen 48% der 870 Millionen Einwohner der Region leben. Sie sind dabei, sich von der zentralen Planwirtschaft auf die westliche Marktwirtschaft umzustellen. Für viele ihrer Einwohner bedeutete dies Arbeitslosigkeit und Armut, was sie zweier der wichtigsten Grundvoraussetzungen für Gesundheit beraubt hat.
Dem gegenüber stehen im Westen 19 Länder, die über ein Bruttosozialprodukt von 9636 US-$ oder mehr verfügen. Aber auch dort bereiten ungleiche Grundvoraussetzungen für Gesundheit der Bevölkerung gesundheitliche Probleme.
Der Nachwuchs fehlt!
In der gesamten Region gehen die Geburtenraten zurück und liegen jetzt unter dem Ersatzniveau von 2,1. Eine Ausnahme bilden hier nur die Türkei, die 7% der regionalen Bevölkerung ausmacht, und einige zentralasiatische Republiken sowie Albanien und Aserbaidschan.
Dies bedeutet, daß die meisten Länder einen sehr langsamen Bevölkerungszuwachs von jährlich unter 1% erleben, in einigen Ländern nimmt die Bevölkerung sogar ab. Meist sind das ost- und mitteleuropäische Länder oder die UdSSR-Nachfolgestaaten. Die Bevölkerung der Russischen Föderation, in der sowohl ein Anstieg der Sterblichkeitsziffer als auch eine sinkende Geburtenrate zu verzeichnen sind, zeigte zwischen 1992 und 1996 ein erheblich rückläufiges Wachstum. Die Altersverteilung der Bevölkerung verändert sich ebenfalls. Bei sinkender Geburtenrate und zumindest in Westeuropa längerer Lebensdauer altern die Bevölkerungen. Dieser Trend wird sich in Teilen der Region voraussichtlich sogar noch verstärken, was eindeutig Konsequenzen für die Gesundheitsversorgung hat.
Politische Veränderungen
Auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs wurden durch den Fall der Berliner Mauer im November 1989 umwälzende Veränderungen ausgelöst. Im Osten sind mit der Entstehung der Nachfolgestaaten der Sowjetunion und der wiedergefundenen Unabhängigkeit der ost- und mitteleuropäischen Länder einst engverzahnte Volkswirtschaften zerfallen.
Im Westen ist die Europäische Union auf 15 Mitglieder angewachsen. Einige internationale Organisationen haben ebenfalls neue Mitglieder und damit auch an politischem Einfluß gewonnen. Das neue politische Klima ermöglicht einen weit besseren Austausch von Informationen, Waren und Menschen. Ähnliche Entwicklungen haben sich im industriellen Bereich vollzogen, und wir sind mittlerweile auf dem Weg zur Globalisierung. Diese politischen Entwicklungen könnten langfristig die Grundvoraussetzungen für die Gesundheit der Menschen in Europa beträchtlich verbessern.Bisher ist davon allerdings leider noch nichts zu spüren.
Die Reichen werden reicher und …..
Es war einmal eine Zeit, da gab es in den Ländern, die jetzt als mittel- und osteuropäische Staaten und als Nachfolgestaaten der Sowjetunion bezeichnet werden, keine offiziell registrierte Arbeitslosigkeit. All das hat sich mit der Demokratisierung verändert. Darüber hinaus gibt es im Osten das Problem der versteckten Arbeitslosigkeit, das für Wirtschafts- und Sozialpolitik die größte Herausforderung bleibt. In Westeuropa ist die Arbeitslosigkeit ständig weiter gestiegen, die Durchschnittsrate liegt seit 1993 über 10%. Viele Regierungen haben zwar die Schaffung neuer Arbeitsplätze zu einem der wichtigsten politischen Ziele erklärt, doch das Problem bleibt.
Arme hat es zwar immer gegeben, aber nach dem Zweiten Weltkrieg waren im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit wirkliche Erfolge erzielt worden. Diese Erfolge sind in den ost- und mitteleuropäischen Ländern in den späten 70er Jahren und in Westeuropa in den 80er Jahren geschwunden. Nun gesellen sich zu der Schar der Armen, die es in einigen Ländern der Region schon immer gegeben hat, die „neuen Armen”, die inmitten von Reichtum in Armut leben. Die Armut in den ost- und mitteleuropäischen Ländern und in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion ist steil angestiegen, seit 1989 der schwindelnde Fall des Realeinkommens einsetzte. Die letzten Angaben zeigen, daß das Realeinkommen in Litauen, der Russischen Föderation und der Ukraine bei 40% des Niveaus von 1989 liegt. Im Westen wurden die herkömmlichen sozialstaatlichen Leistungen unter dem Sparzwang der öffentlichen Hand gekürzt. Entsprechend nimmt die Armut zu.
… und die Armen werden obdachlos
Auch die Obdachlosigkeit steigt in vielen Ländern. London hat schätzungsweise mehrere Hunderttausend gemeldete Obdachlose. Ähnliche Angaben liegen für Frankreich vor. Man geht davon aus, daß in Moskau 60 000 Kinder und in Rumänien weitere 3000 Kinder auf der Straße leben. Tausende von Menschen wurden aufgrund der bewaffneten Konflikte in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion und im früheren Jugoslawien zwischen 1989 und 1995 aus ihrer Heimat vertrieben. 400 000 Menschen sind tot, weitaus mehr verletzt oder behindert. Diese Kriege lassen die Aussichten auf einen wirtschaftlichen Aufschwung nicht gerade rosig erscheinen und haben offensichtlich auch bewirkt, daß für viele Menschen die Grundvoraussetzungen für Gesundheit in weite Ferne gerückt sind. Mit der Rückkehr zu friedlicheren Verhältnissen im Jahre 1996/1997 bietet sich die Hoffnung, daß die Infrastruktur wieder aufgebaut werden kann, wenn sich denn die Friedensvereinbarungen als tragfähig erweisen.
Was getan werden muß
Allgemein haben die Verteilungsungerechtigkeiten in den 90er Jahren sowohl in den Ländern als auch unter den Ländern zugenommen. In den ost- und mitteleuropäischen Ländern und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion ist diese gesundheitliche Chancenungleichheit besonders kritisch. Gesundheitszustand und gesundheitliche Trends sollten von dieser Warte aus betrachtet und interpretiert werden. Die Grundvoraussetzungen für Gesundheit sind eine unerläßliche Bedingung für die Entwicklung eines Landes. Deshalb muß die Politik auf allen Ebenen und in allen Bereichen berücksichtigen, daß zwischen den menschlichen Grundwerten und Gesundheit der Menschen ein entscheidender Zusammenhang besteht. Demzufolge sollte besondere Aufmerksamkeit den Bevölkerungsgruppen gelten, die wirtschaftlich und damit auch sozial am stärksten gefährdet sind: Kindern, Frauen und älteren Menschen.