EINE GESUNDE UMWELT

Muster und Trends

Sauberes Trinkwasser – ein kostbares, für viele Menschen immer noch knappes Gut
Der prozentuale Anteil der Bevölkerung mit Trinkwasserhausanschluß schwankt in der Region erheblich: In den Ländern der Europäischen Union sind es über 97%, in den nordischen Ländern über 95%, in den MOE-Ländern und den UdSSR-Nachfolgestaaten über 79%, in den zentralasiatischen Republiken dagegen nur über 62%. An vielen Orten ist das Trinkwasser noch immer durch vergiftete Böden und Abwässer belastet. Leider gibt es bisher nur in wenigen Ländern geeignete und wirksame Systeme der Abwasserentsorgung und -behandlung. Das aber ist wichtig für die Krankheitsprävention und besonders entscheidend für die Länder, die von Wasserknappheit bedroht sind. Außerdem kann eine bessere Abwasserentsorgung und –behandlung die Wassergüte in grenzüberschreitenden Wasserläufen und Seen verbessern, weshalb es sich dabei nicht nur um ein nationales, sondern auch um ein internationales Anliegen handelt. Auf die Dauer gesehen setzt die Sicherstellung von sauberem Trinkwasser voraus, daß die Systeme der Wasserproduktion und -versorgung in allen Ländern finanziell unabhängig sind. Damit läßt sich sicherstellen, daß man die Grundvoraussetzungen für eine Versorgung mit qualitativ gutem Wasser schaffen und erhalten kann. In vielen Ländern werden die Wasserpreise jedoch noch subventioniert. In den MOE-Ländern und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion ist das aufgrund der äußerst begrenzten Kaufkraft der Bevölkerung derzeitig allerdings noch unvermeidbar. Angesichts der Tatsache, daß Wasserbehörden oder Wasserwerke finanziell selbständig sein sollten, müßten alle Länder dazu angehalten werden, die Subventionierung des Wasserpreises allmählich zurückzufahren und letztendlich abzuschaffen.

Luftgüte – Der Westen macht Fortschritte
Luftverschmutzung kann Krankheit verursachen und die Verschmutzung mit Schwebstäuben lebensverkürzend wirken. Für sauberere Luft muß noch erheblich mehr getan werden. Zur Zeit arbeitet man in der Region mit zwei unterschiedlichen, doch komplementären Ansätzen, und zwar hauptsächlich in westeuropäischen und
insbesondere in den nordischen Ländern:

  • der Minderung der Luftverschmutzung durch Kraftfahrzeuge mit Hilfe gesetzlicher und fiskalischer Instrumente, wobei man die Fahrzeugmotoren und außerdem die Qualität des Brennstoffs technisch verbessert;
  • der Minderung der industriellen Luftverschmutzung, indem man die Verschmutzungsquellen ermittelt, die technischen Verfahren verbessert und zu anderen Brennstoffen übergeht, wodurch man die Schadstoffkonzentration der Emissionen an der Quelle senkt.

Im allgemeinen konnte man in allen Teilen der Region, vor allem aber in Westeuropa, die Luftverschmutzung durch Schwebstäube und Schwefeldioxid verringern. Durch den in den meisten Teilen der Region rasch zunehmenden Straßenverkehr hat sich jedoch zugleich die Verschmutzung aus mobilen Quellen mit Emissionen von Stickstoffdioxid und Schwebstäuben verstärkt. In Europa sind etwa 70% der Stadtbevölkerung jährlichen Durchschnittswerten von Stickstoffdioxid ausgesetzt, die den Grenzwert der entsprechenden WHO-Leitlinie überschreiten. Zusammenfassend läßt sich also sagen, daß mindestens ein Drittel der Bevölkerung der Region noch immer in städtischen Gebieten mit besorgniserregenden Verschmutzungswerten lebt. Die meisten dieser Gebiete findet man in den MOELändern und in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion.

Die Lebensmittelvergiftungen nehmen zu
Einige Erhebungen zeigen, daß die Lebensmittelvergiftungen in den letzten Jahren in mehreren Ländern zugenommen haben. Die wichtigste Erkrankung ist hier immer noch die Salmonellose. Die Kontamination beginnt hauptsächlich bereits auf den Höfen: Eier und Eierprodukte sind dabei die Hauptschuldigen. Die meisten Ausbrüche entstehen allerdings entweder durch unsachgemäße Erhitzung bzw. Kühlung von Lebensmitteln in Restaurants, Großküchen und Privathaushalten. Darüber hinaus haben sich neue durch Nahrungsmittel hervorgerufene Krankheiten, wie die neue Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit, zu einem besonderen volksgesundheitlichen Problem entwickelt.
Die gesamte Lebensmittelproduktion und –distribution sollte deshalb gründlich geplant und von unabhängigen Fachkräften unter Aufsicht der Gesundheitsbehörden laufend überwacht werden.

Abfallwirtschaft
Die Region produziert jährlich schätzungsweise 2,6 Milliarden Tonnen Abfall, und zwar hauptsächlich Industrieabfall (37% der Gesamtmenge) und landwirtschaftliche Abfälle (38% der Gesamtmenge). Der kommunale Festmüll macht 220 Millionen Tonnen (8%) aus, sonstige Abfälle wie Klärschlamm, Schutt und Bergbauabfälle bilden den Rest. In der Region fallen jährlich durchschnittlich ca. 250 kg Haushaltsabfall pro Person an. In der Russischen Föderation sind es 100 kg pro Kopf und Jahr, in Israel dagegen über 600 kg pro Kopf und Jahr. Insgesamt stieg das Aufkommen an Haushaltsmüll in den Kommunen jährlich durchschnittlich um 2,5%. Um dem wachsenden Müllberg beizukommen, wurden in mehreren Ländern und Kommunen die Methoden der Abfallbeseitigung, -behandlung und -entsorgung verbessert. Eine Schlüsselfunktion kommt der Schulung von Ingenieuren, Managern und anderen Beschäftigten des Abfallsektors zu. Parallel dazu wurden in den Ländern die einschlägigen Gesetze und Durchführungsbestimmungen erarbeitet.

Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz
In den europäischen OECD-Ländern sind etwa 10% der registrierten Arbeitsunfälle mit Personenschaden schwere Unfälle mit Arbeitsausfällen von über 60 Tagen, 1–5% aller gemeldeten Arbeitsunfälle führen zu dauerhaften Behinderungen. Diese Angaben sind jedoch irreführend, denn selbst in Ländern mit guten Meldesystemen wird nur die Hälfte aller Arbeitsunfälle erfaßt. Die Meldelücken in anderen Ländern sind wahrscheinlich sogar noch erheblich größer. Unter extremer physischer Arbeitsbelastung leiden noch immer 10–30% der Arbeitskräfte in den hochindustrialisierten Ländern und manchmal bis zu 50% in den weniger industrialisierten Ländern. Etwa 25% der Arbeiter und 33% der Bauern in den Ländern der Europäischen Union arbeiten unter schlechten ergonomischen Bedingungen. Einige europäische Länder verlieren schätzungsweise 3–5% ihres BSP durch arbeitsbedingte Unfälle und Verletzungen. Im Vereinigten Königreich beläuft sich dieser Verlust auf 5–10% des Bruttohandelsgewinns aller Unternehmen. Die Schätzwerte für einige nordische Länder zeigen, daß die finanziellen Verluste sogar auf 15% des BSP eines Landes ansteigen können, wenn man Frühinvalidität und Mortalität unter Facharbeitern hinzuzählt. Herz-Kreislauf-Krankheiten, Atemwegserkrankungen und Skelettmuskulaturstörungen, Krebs und bestimmte psychische Störungen zählen zu den häufigsten Ursachen von Arbeitsunfähigkeit. Diese Krankheiten hängen zwar auch mit ungesunden Lebensweisen zusammen, Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz kann jedoch stark dazu beitragen, daß sie weniger häufig auftreten. Allerdings gehört Gesundheitsförderung immer noch in zu wenigen Unternehmen zur arbeitsmedizinischen Versorgung und zu Arbeitsschutzprogrammen.

Konzeptentwicklung
Umweltpolitik und -programme sollten nicht nur die Exposition gegenüber gesundheitsschädlichen Faktoren vermeiden helfen oder verringern. Sie sollten auch dazu beitragen, daß sich die Lage im Hinblick auf Luft, Trinkwasser, Erholungsgewässer, Abfall und Bodenbeschaffenheit, Arbeitsplätze und Wohnunterkünfte der Menschen verbessert. Außerdem sollten sie in Europa und weltweit voll in eine ausgewogene und nachhaltige sozioökonomische Entwicklung für die Menschen von heute und für künftige Generationen einbezogen werden. Nachhaltige Entwicklung – eine Entwicklung, die den Bedürfnissen der Gegenwart gerecht wird, ohne künftigen Generationen die Möglichkeit ihrer Bedürfnisbefriedigung zu nehmen, bildet den Kern aller Bemühungen um eine bessere Gesundheit. Will man dieses Ziel erreichen, so setzt das wichtige politische und strategische Veränderungen voraus, um eine Fülle von Umwelt- und Gesundheitsproblemen lösen und eine sichere, geborgene Umwelt schaffen zu können. Diese Probleme lassen sich in Europa allerdings nur lösen, wenn die relevanten Sektoren zusammenarbeiten. Ausgehend von diesem Gedanken führte das WHO-Regionalbüro für Europa zwei Ministerkonferenzen durch, bei denen zwei dieser Sektoren, nämlich Umwelt und Gesundheit, zusammengebracht wurden. Auf der ersten Konferenz 1989 in Frankfurt wurde die Europäische Charta für Umwelt und Gesundheit angenommen. 1994 wurden auf der zweiten Konferenz in Helsinki die Erklärung über Maßnahmen für Umwelt und Gesundheit in Europa unterzeichnet und der Aktionsplan Umwelt und Gesundheit für Europa verabschiedet.
In der Erklärung von Helsinki wurde erneut betont, daß auf allen Ebenen ein effektives Management für den umweltbezogenen Gesundheitsschutz gebraucht wird. Einige Länder haben auch die Prinzipien der „Subsidiarität“ und „Intersektoralität“ übernommen und versuchen, diese umzusetzen. Die Länder, in denen „vertikale“ Strukturen immer noch die Grundregel sind, werden aufgefordert, die Zusammenarbeit mit allen anderen Sektoren, die für den umweltbezogenen Gesundheitsschutz auf allen Ebenen relevant sind, zu aktualisieren bzw. einzuleiten.
Dieses Vorgehen sollte man stärken, indem man auf kommunaler Ebene entsprechende Projekte umsetzt, die zeigen würden, daß solche Teamarbeit für den Gesundheitszustand der Bevölkerung viel nutzbringender ist als getrennt laufende und vertikal strukturierte Programme und Projekte. Vielleicht muß man jedoch jahrelang beharrlich arbeiten, bevor die Resultate solcher Projekte sichtbar werden. Um entscheiden zu können, ob eine solche Politik Erfolg hat, muß man sich langfristig auf eine nachhaltige Entwicklung verpflichten und sich um die Verbesserung der Gesundheit der Bevölkerung bemühen.