GESUNDE LEBENSWEISEN
Strukturen und Trends
Rauchen
In der ersten Hälfte der 90er Jahre rauchten rund 30% der Erwachsenen in Europa täglich, kein Land hat bisher das für das Jahr 2000 gesetzte Ziel von 80% Nichtrauchern erreicht. Auch passives Rauchen gilt inzwischen weithin als gesundheitsgefährdend.
Der Tabak war in der Europäischen Region 1995 schätzungsweise für 1,2 Millionen oder etwa 13% aller Todesfälle verantwortlich. In den MOE-Ländern und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion werden 20% aller 35jährigen Männer noch vor dem 69. Lebensjahr an einer tabakbedingten Krankheit sterben. Das sind doppelt so viele wie unter den Männern der mittleren Altersgruppe in Westeuropa. Tabakprodukte sind in Westeuropa für 25% des sozialen Mortalitätsgefälles aufgrund von Herz-Kreislauf-Krankheiten verantwortlich. Wer im mittleren Lebensalter an einer durch Rauchen bedingten Krankheit stirbt, verliert zwischen 19 und 23 Lebensjahre. Unter den Männern von Westeuropa ist die Sterblichkeit aufgrund dieser Krankheiten zwar rückläufig, bei den Frauen steigt sie dagegen weiterhin an. In einigen Ländern rauchen mittlerweile mehr Frauen als Männer, und in den MOE-Ländern und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion steigt die Sterblichkeit aufgrund tabakbedingter Krankheiten bei beiden Geschlechtern. Halten die derzeitigen Trends an, werden bis zum Jahr 2020 weltweit wohl mehr Menschen durch Tabak als an irgendeiner anderen Einzelursache sterben. Die Tatsache, daß in den MOE-Ländern und UdSSR-Nachfolgestaaten mehr geraucht wird, hängt wahrscheinlich auch mit den Marketingpraktiken und der in den letzten Jahren erfolgten Preisliberalisierung zusammen. Hinzu kommt noch, daß es keine wirksam umgesetzte Antiraucherpolitik gibt.
Trinken
In 90% der Länder der Europäischen Region überschreitet der Alkoholkonsum zwei Liter Reinalkohol pro Kopf und Jahr, d. h. die mit dem niedrigsten Mortalitätsrisiko für die Bevölkerung verbundene Menge. Der Alkoholkonsum ist im östlichen Teil der Region weitaus höher, doch die offiziellen Angaben über den Alkoholumsatz in den MOE-Ländern und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion vermitteln keineswegs ein Bild der tatsächlichen Lage. Unter den zu Beginn der 90er Jahre eingeführten marktwirtschaftlichen Bedingungen wurden große Mengen von Alkohol importiert bzw. illegal hergestellt und auch verkauft, ohne daß sich das in den nationalen Statistiken widerspiegelt. Der tatsächliche Verbrauch liegt möglicherweise zwei- bis dreimal über dem in den Routinestatistiken ausgewiesenen Konsum. Der in diesen Ländern zwischen 1992 und 1995 zu beobachtende steile Anstieg der Inzidenz von Alkoholpsychosen liefert zusätzliche Beweise für einen hohen und wachsenden Alkoholkonsum. In den meisten westeuropäischen Ländern, vor allem in den Ländern mit traditionell relativ hohem Alkoholkonsum, sind die Trends rückläufig oder stabil. Doch nur drei Länder, nämlich Frankreich, Italien und Spanien, haben das für das Jahr 2000 gesetzte Ziel erreicht, den Alkoholkonsum zwischen 1980 und 1995 um 25% zu drosseln. Die Zahlen sprechen dafür, daß junge Menschen mehr trinken. Alkohol ist eine suchterzeugende Droge, und diese Abhängigkeit ist mit einem erhöhten Krankheits- und Frühsterblichkeitsrisiko assoziiert. Viele epidemiologische Studien zeigen zwar, daß kleine Mengen von Alkohol das Risiko einer koronaren Herzerkrankung und eines ischämischen Schlaganfalls verringern können. Das Risiko verringert sich jedoch am stärksten, wenn man nur jeden zweiten Tag den Gegenwert von 10 g absoluten Alkohol trinkt. Dies entspricht einem Glas Bier, einem Glas Wein oder der entsprechenden Menge Spirituosen.
Drogen
In Europa gibt es schätzungsweise 1,5–2 Millionen Menschen mit hohem Verbrauch an psychotropen Substanzen. Der Gebrauch nimmt bei den meisten Drogen, d. h. bei Cannabis, Opiaten, Amphetaminen und Kokain, in der ganzen Region, vor allem aber im östlichen Teil, zu. In der ganzen Region steigt der illegale Drogengebrauch unter jungen Menschen und erhöht das Risiko für Vergiftungen, Abhängigkeit, Psychosen, Selbstmord und Frühsterblichkeit.
Etwa 40% der Aids-Fälle entfallen auf Drogenabhängige, von denen in Westeuropa viele HIV-seropositiv sind. In den meisten östlichen Ländern ist die HIV-Seropositivität unter Drogengebrauchern im allgemeinen noch nicht so weit verbreitet, in einigen Ländern wie der Russischen Föderation, der Ukraine und Weißrußland nimmt die HIV-Seropositivität aufgrund der verstärkten HIV-Übertragung unter intravenösen Drogenabhängigen laut Meldungen allerdings explosionsartig zu.
Gesunde Ernährung: die Kunst des richtigen Gleichgewichts
Was man ißt, bedingt, wie gesund man ist. Eine hohe Fettzufuhr ist mit einem erhöhten Risiko für Brust- und Dickdarmkrebs verbunden. Ein geringer Verzehr von Obst und Gemüse geht ebenfalls mit einer höheren Morbidität aufgrund von Herz-Kreislauf-Krankheiten und Krebs einher. Zu viel Salz kann Bluthochdruck bewirken und damit erhöht sich auch die Gefahr eines Schlaganfalls. Andererseits verringert eine gemüse- und obstreiche Ernährung das Risiko für koronare Herzerkrankungen und einige Krebsformen, weil Gemüse und Obst als Antioxidantien wirken. Die meisten Menschen in Europa müssen deshalb erheblich mehr Gemüse und Obst essen.
Wir werden zu dick
Fettleibigkeit gilt als eine der wichtigsten verhütbaren Ursachen von Krankheit. Mit zunehmendem Körpergewicht erhöht sich auch das Sterblichkeitsrisiko. Dieser Anstieg ist zwar bei Männern und Frauen unter 50 Jahren steiler, doch halten die Auswirkungen bis gut in das neunte Lebensjahrzehnt an. Die Tendenz zur Fettleibigkeit zeigt auch die steigende Zahl der Schönheitsoperationen im Bereich der Fettabsaugung an. Risiken und Methoden werden unter http://www.fettabsaugung.de/methoden-risiken-fettabsaugung.html beschrieben. Übergewicht gilt mittlerweile als unabhängiger Risikofaktor für die koronare Herzkrankheit und zeigt eine starke Korrelation zu Diabetes, Gallenblasenerkrankungen, Bluthochdruck, Krebs und anderen nicht tödlichen Gesundheitsproblemen. Schätzungsweise 2–7% der Kosten für die Gesundheitsversorgung gehen auf Konto der Fettleibigkeit.
Nationale Untersuchungen sprechen dafür, daß etwa 10–20% der Männer und 10–25% der Frauen in Europa fettleibig sind, wobei die Länder im Osten die Statistik stärker belasten. Der Trend verstärkt sich: In den meisten Ländern hat die Prävalenz der Fettleibigkeit in den vergangenen zehn Jahren um 10–40% zugenommen.
Mikronährstoffe
Insgesamt leiden etwa 11% der europäischen Bevölkerung aufgrund von Mikronährstoffmangel an Anämie. Einige MOE-Länder und UdSSR-Nachfolgestaaten zeigen sogar extrem hohe Anämiewerte, die allerdings nicht so sehr durch eine zu niedrige Eisenzufuhr zustande kommen, sondern eher auf einen zu hohen Konsum von die Eisenabsorbtion hemmenden Stoffen wie Tee und Kuhmilch zurückzuführen sind, die bereits in ganz jungem Alter (mit unter 4 Monaten) getrunken werden. Der Jodmangel, der in Europa endemisch ist und zur Zeit bei etwa 17% der Bevölkerung anzutreffen ist, kann dazu führen, daß sich das Nervensystem des Feten während der ersten drei Schwangerschaftsmonate anomal entwickelt. Nur in sechs Ländern gibt es aufgrund guter Gesundheitsmaßnahmen, wie beispielsweise die Anreicherung des Tierfutters mit Jod, keinerlei endemische Jodmangelstörungen. Wachstumshemmungen bei Kindern sind in einigen Ländern des östlichen Teils der Region im Durchschnitt acht- bis zehnmal häufiger als in Westeuropa, was dafür spricht, daß viele Kindern nicht genug Nährstoffe, vor allem nicht ausreichend Mikronährstoffe bekommen.
Die Auswirkungen der Armut
Immer mehr Europäer leben in Armut, was sich wiederum stark auf den Zusammenhang zwischen Eßgewohnheiten und Krankheiten auswirkt. Vor allem die Armen in den Städten, darunter viele Arbeitslose und alte Menschen, können sich nicht ausreichend abwechslungsreich ernähren. In der Zeit der wirtschaftlichen Umstellung war dies in vielen osteuropäischen Ländern ein typisches Bild. Die Arbeitslosigkeit schnellte in die Höhe, bei festem Einkommen mußten viele Menschen bis zu 75% ihres verfügbaren Einkommens für Essen ausgeben.
Bewegung
Regelmäßige körperliche Aktivität bietet ausgezeichnete Möglichkeiten, Gesundheit und Wohlbefinden zu erhalten und verbessern. Gesundheitsförderliche sportliche Betätigung ist effektiv, machbar, akzeptabel und ungefährlich. Doch nur in wenigen Ländern der Europäischen Region hat man einen laufenden Überblick über die sportliche Aktivität der Bevölkerung. Die Gefahr, daß sich die Menschen weniger bewegen, wächst wahrscheinlich, da eine sitzende Lebensweise immer häufiger wird. In einigen Ländern ist man bereits so weit, daß sich große Teile der Bevölkerung nicht ausreichend mikronährstoffreich ernähren können, ohne übergewichtig zu werden.
Deshalb müssen sich die Menschen dringend mehr bewegen. Das würde das Krankheitsrisikowahrscheinlich vergleichbar verringern wie eine Einschränkung des Rauchens oder die Verringerung einer zu hohen Fettzufuhr.
Die Politik ist gefragt
Konzepte zur Steuerung und Verringerung spezifischer Risikofaktoren sollten sich auf eine breite und einheitliche Grundlage stützen. Dies sollte garantieren, daß sie kompatibel sind und sich gegenseitig abstützen. Konzepte zur Verringerung des Tabak- und Alkoholkonsums sollten sich auf den europäischen Alkoholaktionsplan, die Europäische Alkoholcharta, den Dritten Aktionsplan für ein tabakfreies Europa und die Madrider Tabakcharta stützen. Ein wichtiger Schritt war es, daß sich die EU-Länder auf ein die gesamte EU umfassendes Verbot der Tabakwerbung einigen konnten. Der illegale Drogenmarkt wird weltweit durch Verbote gesteuert, doch ein Verbot schraubt leider nur die aus der illegalen Drogenproduktion und dem illegalen Drogenhandel erzielten Profite in die Höhe und stimuliert damit das weitere Angebot. Der Erfolg der Verbotsstrategie erscheint fraglich, wenn man sich die erheblichen Mengen illegaler Drogen anschaut, die überall in der Region erhältlich sind. Die meisten Länder sind sich der Notwendigkeit bewußt, daß man die Probleme des illegalen Drogengebrauchs nur durch sektorübergreifende Zusammenarbeit bewältigen kann, weshalb sie z. B. hochrangige Koordinationsausschüsse geschaffen haben. Zu einer Ernährungspolitik, die „gesundes Essen“ fördern soll, gehören Ernährungsleitlinien für verschiedene Bevölkerungsgruppen. Aktionspläne müssen, um greifen zu können, steuerpolitische, landwirtschaftliche und den Einzelhandel betreffende Maßnahmen enthalten, durch die die Bevölkerung dazu angeregt wird, mehr Obst und Gemüse und weniger Fett zu essen.