PRINZIPIEN UND PRAXIS DER „GESUNDHEIT FÜR ALLE“
Gesundheitspolitik
Etwa die Hälfte der Mitgliedstaaten der Region stützt sich in ihrer Gesundheitspolitik auf das Konzept der „Gesundheit für alle“ bzw. hat einen Prozeß eingeleitet, der zu einer konzeptionell entsprechenden Gesundheitspolitik führen soll.In einigen Ländern begann diese Bewegung in den Kommunen oder Städten oder hat inzwischen auf diese Ebene übergegriffen. Doch die Steuerungsinstrumente, die vorgeschlagen bzw. eingesetzt wurden, sind eher traditioneller Art. So zum Beispiel, wenn man das Verständnis für die Risiken des Rauchens und Alkoholkonsums zu fördern sucht, statt mit breiteren, auf die ganze Bevölkerung ausgerichteten Maßnahmen versucht die Gründe zu ändern, aus denen die Menschen rauchen und trinken. Es gibt nur sehr wenige Beispiele, die zeigen, wie man gesundheitliche Chancenungleichheit an der Wurzel angehen könnte, beispielsweise durch Einkommensausgleich oder durch andere Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten. Gegen diese grundlegenden Ursachen für gesundheitliche Chancenungleichheit ist man bisher in der Praxis noch weit weniger vorgegangen, als nötig wäre. Wenn überhaupt etwas getan wurde, dann eher, indem man versuchte, den gesetzlichen Zugang zur Gesundheitsversorgung festzulegen. Um Probleme wie kulturelle Überzeugungen oder Verteilungsungerechtigkeiten beim Einkommen, denen sehr viel schwerer beizukommen ist, machte man dagegen lieber einen Bogen.
Gesunde Städte
Das wichtigste Instrument von „Gesundheit für alle“ auf kommunaler Ebene ist weiterhin das WHO-Projekt „Gesunde Städte“, das 1987 anlief. Es hat sich mittlerweile zu einer weltweiten Bewegung entwickelt, an der sich Hunderte von Städten in allen WHO-Regionen beteiligen. Achtunddreißig Städte in zweiundzwanzig Ländern, darunter in dreizehn Mitgliedstaaten der Europäischen Union, bilden den Kern des regionalen Verbunds, der über die ihm angeschlossenen nationalen Netze über 732 Städte in Europa erreicht.
Zusammenfassend läßt sich also sagen, daß das Gesunde-Städte-Projekt:
- die Bedeutung von Gesundheit und Chancengleichheit als Anliegen von Politik und Programmatik verstärkt;
- die Zusammenarbeit zwischen den Ressorts der kommunalen Selbstverwaltung und anderen Sektoren erleichtert;
- eine Plattform und einen Rahmen schafft, die die aktive Mitarbeit von freiwilligen Organisationen und Bürgergruppen ermöglichen, und • die Fähigkeit der Städte stärkt, Strategien für eine nachhaltige Entwicklung umzusetzen.
Die Grundlagen von Public-Health-Maßnahmen
Public Health befaßte sich inhaltlich herkömmlicherweise mit Hygiene und epidemiologischer Überwachung, d. h. sie bekämpfte die Übertragung von Infektionskrankheiten und die Umweltverschmutzung an der Quelle. In den 90er Jahren gelang es in vielen Ländern, den Wirkungsbereich von Public Health auszuweiten. Sie richtete sich in ihren Tätigkeiten über den eigentlichen Gesundheitssektor hinaus auf Gesundheitsförderung und Ökologie und konnte dadurch auch neue Partner aus anderen als den medizinischen Berufen für den Kampf um die Gesundheit gewinnen.
So entstand allmählich die moderne Public Health, doch die herkömmlichen öffentlichen Gesundheitsdienste haben diese Entwicklung in vielen Ländern nicht mitvollzogen. Viele Public-Health-Fachkräfte arbeiten immer noch mit begrenztem Praxiswissen, hauptsächlich auf medizinischer Grundlage. Sie haben relativ gering angesehene Positionen mit begrenzten Zuständigkeiten und wenigen Ressourcen. Modernstes Fachwissen gehört zur modernen Public-Health-Infrastruktur, um die Gesundheitsdefizite und den Bedarf an Gesundheitsversorgung einzuschätzen zu können. Diese Infrastruktur muß zur Entwicklung effektiver und realistischer Konzepte beitragen und die Zusammenarbeit zwischen Ressortinteressen und allgemeinpolitischen Zielen vermitteln können. Inzwischen wird man sich der Rolle von Public Health zwar zunehmend bewußt ist, in einigen Reformprogrammen erfährt sie aber immer noch nicht genügend Aufmerksamkeit. Durch den Einsatz von Computertechnik und Telekommunikation haben viele Länder den Zugriff auf und den Einsatz von Gesundheitsdaten und -informationen und, was am wichtigsten ist, auch ihre regelmäßige Gesundheitsberichterstattung verbessert. Die Erfahrungen, die man in Europa mit der Messung und Evaluierung von Fortschritten in bezug auf die „Gesundheit für alle“ gemacht hat, beweisen eindeutig: Es ist möglich, einen umfassenden Mechanismus für das Monitoring und die Evaluierung im Rahmen der internationalen Gesundheitsberichterstattung zu schaffen. Die seit 1985 aus den Mitgliedstaaten eingegangenen Berichte zeigen, daß die Länder der Region diese Aufgabe zunehmend ernster nehmen. Mittlerweile ist allgemein anerkannt, daß Gesundheitsziele durch einen effektiven Monitoringmechanismus ergänzt werden müssen, der sich auf handhabbare Indikatoren gründet. Werden keine Daten geliefert oder scheint es unmöglich, die Daten zusammenzustellen, so läßt sich auch die Effektivität bestehender und neuer Konzepte nicht beurteilen, d. h. man weiß nicht, was funktioniert und was nicht geht.
Ethik und Gesundheit
Ethische Erwägungen zu gesundheitsbezogenen Angelegenheiten sind aufgrund von zwei Haupttendenzen in Europa heute entscheidender denn je. Erstens wurde mit der Einführung neuer Medizintechnologie in die herkömmliche bioethische Debatte eine völlig neue Dimension eingebracht. Zweitens wurde in den meisten europäischen Ländern aufgrund von wirtschaftlichen Sachzwängen vorgeschlagen, die sich ausweitenden Gesundheitsdienste zu begrenzen. In vielen Ländern wurden sie sogar schon eingeschränkt.
Die Bevölkerung teilt sich immer markanter in zwei Gruppen, nämlich die „Wohlhabenden“ und die „Habenichtse“. Der Gesundheitssektor befindet sich somit in dem Dilemma, seine Verpflichtung auf ethische Werte mit den Realitäten von Wirtschaft und Markt vereinen zu müssen. Deshalb ist es wichtiger denn je, daß Gesundheitsfachkräfte, Administratoren und Entscheidungsträger eine gute ethische Orientierungshilfe an die Hand bekommen. Diese ethischen Prinzipien müssen ihnen auch unter schwierigen Umständen, sogar bei bewaffneten Auseinandersetzungen, als Leitstern dienen. Die Mitgliedstaaten gehen strategisch zweigleisig vor: Die Elemente der Patientenrechte werden in einer Charta zusammengestellt (Frankreich, Irland und Vereinigtes Königreich), oder sie werden verbindlicher in die Gesetzgebung eingebunden (Finnland, Island, Israel, Litauen und Niederlande). Viele andere europäische Länder gehen zur Zeit einen der beiden Wege. Die WHO-Erklärung über die Förderung der Patientenrechte in Europa sowie vom Europarat ergriffene Initiativen haben die Entwicklung im Bereich Gesundheit und Ethik stark vorangebracht.