Gesundheit in Europa: SCHLUSSFOLGERUNG
Diese Evaluation der „Gesundheit für alle“ zeigt erneut, daß den sozioökonomischen Faktoren bei der Verbesserung und Erhaltung von Gesundheit im sich wandelnden Europa der 90er Jahre die Hauptrolle zukommt.
Das Gesundheitsgefälle zwischen den Nachfolgestaaten der Sowjetunion und Westeuropa wird immer steiler, wobei die MOE-Länder eine Zwischenstellung einnehmen. Dies gilt für nahezu alle Indikatoren des Gesundheitszustands. Chancengleichheit als wichtigste Säule der Politik „Gesundheit für alle“ steht zur Zeit immer noch auf schwachem Fundament. Diese Grundlage tragfähig zu machen, fordert den Mitgliedstaaten ein erhebliches Maß an Engagement und Handlungsbereitschaft ab.
Leider scheint sich die Kluft zwischen Arm und Reich auch innerhalb der einzelnen Länder vertieft zu haben. Die Zahl der Armen und/oder sozial marginalisierten Menschen nimmt zu. Dies trifft sogar auf viele westeuropäische Länder zu, wo man bei den meisten Zielen zur „Gesundheit für alle“ doch mäßige, wenngleich in einigen Fällen auch nur begrenzte Fortschritte gemacht hat. Die nicht eindeutigen Trends bei Lebensweisen und Umwelt und die damit verbundenen Risikofaktoren signalisieren möglicherweise einen schwindenden gesundheitlichen Zugewinn.Die gesundheitliche Lage in den MOE-Ländern und in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion hat sich seit 1990–1991 insgesamt unerhört verschlechtert. Die Bekämpfung von übertragbaren Krankheiten hat heute wieder absoluten Vorrang. Nicht übertragbare Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Krankheiten und Krebs fordern weiterhin ihre Opfer, weil immer mehr Menschen rauchen, zu viel trinken und sich schlecht ernähren. Mangelnde Augenmedizin führt zur Verbreitung von Augenkrankheiten. Ein besonders auffallendes Kennzeichen ist die stark überhöhte Sterblichkeit unter Männern der mittleren Altersklasse, an der sich in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion eine signifikante Mortalitätskrise erkennen läßt. Die Fakten sprechen stark dafür, daß ein Großteil dieser Krise auf die spezifischen und besonders schädlichen Alkoholkonsumgewohnheiten in diesen Ländern zurückzuführen ist. Glücklicherweise lassen sich in jüngster Zeit Anzeichen einer Besserung erkennen. In vielen Ländern versucht man, die Struktur der Gesundheitsversorgung radikal umzugestalten und die öffentliche und private Finanzierung von Gesundheitsversorgung miteinander zu verbinden, um Effizienz, Effektivität, Versorgungsqualität und die Zufriedenheit von Nutzern und Anbietern zu verbessern.
Die Prinzipien der „Gesundheit für alle“ bleiben jedoch für die gesundheitliche Entwicklung grundlegend wichtig. Die Mitgliedstaaten sind von diesen Grundprinzipien überzeugt, was sich daran zeigt, daß etwa die Hälfte von ihnen bereits eine auf der „Gesundheit für alle“ aufbauende nationale Gesundheitspolitik ausgearbeitet hat. Aus den bisher gewonnenen Erfahrungen läßt sich die Lehre ziehen, daß man für die Umsetzung einer solchen Politik ein außerordentlich starkes politisches Engagement, erhebliche Ressourcen und viel Zeit braucht. Die jüngste Entwicklung hat erneut deutlich gemacht, daß es sich für die Mitgliedstaaten lohnt, ihrer Gesundheitspolitik explizite Ziele zu setzen und sich zu verpflichten, die gemachten Fortschritte regelmäßig zu verfolgen und auszuwerten. Damit läßt sich sicherstellen, daß alle verfügbaren Ressourcen für ein Mehr an Gesundheit erschlossen werden und die Mitgliedstaaten ihren Versprechen die bestmöglichen Maßnahmen folgen lassen. Wie wichtig solche Maßnahmen sind, wurde erneut durch die Ergebnisse dieser Evaluation unterstrichen, die zeigen, daß neben neuen Entwicklungen in der Region historische Probleme andauern. Deshalb sind die abschließenden Sätze aus der ersten Evaluierung der Strategie „Gesundheit für alle“ bis zum Jahr 2000 in der Europäischen Region heute noch genauso gültig wie in den 80er Jahren:
Besonders schwerwiegend sind die Anzeichen für eine Verschärfung der Ungleichheit in gewissen Ländern sowie der mangelhafte Fortschritt bei bestimmten Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen. Darunter sind an erster Stelle gesundheitsschädigende Lebensgewohnheiten zu nennen, die im Verein mit sozialen Umweltfaktoren, insbesondere langfristiger Arbeitslosigkeit, einen äußerst schädlichen kumulativen Effekt auf die besonders anfälligen Bevölkerungsgruppen, insbesondere die Jugend, ausüben können. Hier sind Abhilfemaßnahmen dringend geboten, wenn wir das Ziel „Gesundheit für alle“ erreichen wollen. Die Gesundheit der künftigen Generationen steht auf dem Spiel.